Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit
Montagmorgen, Doppelstunde Deutsch, Thema: Kant. Louisa stand an Tafel, sie wusste nicht recht was sie sagte, ebenso wenig, was sie tat, leicht verzweifelt stand sie vor etwas, was eigentlich ein so genanntes Flussdiagramm darstellen sollte. Ein Flussdiagramm zu Kants Text „Was ist Aufklärung?“. Zur näheren Erklärung fangen wir mal am Anfang der Geschehnisse an. Es gibt für die Schüler der 11. Jahrgangstufe eine Art Seminar, welches sich „Methodentage“ nennt, und zu welche wir alle gezwungen sind zu gehen. An diesen beiden Tagen lernten wir etwas über 1. das Recherchieren 2. das Strukturieren und Auswerten 3. Empirie 4. die Präsentation an sich.Das Ergebnis dieses Seminars war, das jeder einen gigantische Arbeitsblätterstapel zu Hause herumliegen hatte, welchen mancher wahrscheinlich gleich in den Papiermülleimer fallen ließ. Auf gut deutsch: Es hat den meisten eigentlich nichts gebracht. Dass wir aufgrund der „erlernten“ Erkenntnisse ein Referat halten mussten, traf die meisten dann auch wie ein Schlag ins Gesicht. Aber das ist nur nebensächlich. Viel schlimmer war eigentlich, dass in jeder zweiten Aussage einiger Lehrkräfte der Satz „Wie sie es bei den Methodentagen gelernt haben“ fiel. Wenn dies der Fall gewesen wäre, wäre das ganze auch kein so großes Problem gewesen. Aber eben nur wenn. So blieb unserem Alphatier wohl oder übel nichts anderes übrig als zumindest den Teil mit dem Strukturieren und Auswerten noch einmal von vorn durchzunehmen. Und es bereitete keinem eine Freude, aber man muss sagen, dass wir bei Abschluss des Themas Aufklärung tatsächlich in diesem Sinne aufgeklärt waren. Mann legte uns also am Montagmorgen den Text des deutschen Philosophen Kant vor, mit dem Titel „Was ist Aufklärung“ und den Worten: „Strukturieren sie die Aussage des Textes mit Hilfe a) einer Tabelle b) eines Flussdiagramms c) eines Baumdiagramms.“ Dabei deutete er mit dem Finger auf einzelne Gruppen. „Ich gebe ihn 5 Minuten.“ Natürlich erst nachdem man festgestellt hatte, dass keiner sein Buch (ein 5kg schwerer Wälzer) dabeihatte und man ausreichend Kopien für den ganze Kurs hatte fertigen lassen. Ein allgemeines Stöhnen ließ ihn sich noch einmal berichtigen: „Na gut, 10 Minuten, aber dann sind Sie fertig!“ Dass dem dann nicht so war, erklärt sich von selbst. So beugten wir uns also über die Texte, das heißt einige von uns, denn andere stöhnten schon bei den ersten beiden Sätzen auf und schoben das Arbeitsblatt weit von sich. So blieb die Arbeit also an einigen hängen, welche den Text zu verstehen suchten. Und wären wir nicht mit einer Heftigkeit, einer unbezwinglich haftenden Leidenschaft für alles, was wir einmal angefasst hatten, geboren worden, wäre uns das wahrscheinlich auch niemals gelungen.Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen… Dies müssen wir noch heute auswendig wissen, man merkt sich ja sonst nichts. Als die 10 Minuten abgelaufen waren, sollten wir unsere Diagramme an der Tafel vorstellen, leichter gesagt als getan. Unser Nasenbär musterte und mürrisch und streng über seine Brille hinweg und war mit keinem der Ergebnisse zufrieden. „Es hat den Anschein, als hätten Sie den Text nicht verstanden.“ Sein Blick schweifte mit gehobenen Augenbrauen über die versammelte Mannschaft, die reumütig die Köpfe hängen ließ, und bestätigte ihm, was er nur ohnehin schon wusste. „Dann werden Sie den Text als Hausaufgabe eben nochmals bearbeiten, morgen erwarte ich Ergebnisse!“ „Morgen haben wir keinen Unterricht“, warf einer ein. „Dann eben am Mittwoch!“ „Da haben wir auch nicht.“ „Ja wann sehen wir uns denn dann überhaupt wieder?“ „Am Donnerstag haben wir eine Doppelstunde.“ „Gut dann haben Sie den Text bis Donnerstag, und ich erwarte von jedem“, er betonte dieses Wort sehr extrem, „von jedem mindestens zwei Arten den Text darzustellen, wie Sie das machen, ist mir egal nur machen Sie´s!“ Während er das sagte, gestikulierte er herum, was zu beschreiben einfach unmöglich ist. Diese megageladene Atmosphäre nach diesem kleinen Donnerwetter entlud sich auch gleich wieder als Alphamän meinte: „So und jetzt machen wir erstma´ Pause, ich hab Hunger!“ Er schnappte sich seine Tasche, klemmte sie sich unter den Arm und stapfte nach draußen. Wir waren alle etwas baff, und einige konnten sich von dieser Aktion belustigt einfach nicht mehr auf ihren Stühlen halten, andere stapften ihm hinterher, demselben animalischen Trieb folgend. So verging dann auch unsere „5“-Minuten-Pause und wir mussten uns wieder an die Arbeit machen. Textbearbeitung: Was ist die Kernaussage? Die Kernaussage ist doch ganz klar, dass… Eben das war nicht so klar und so zog sich Nobbes einen Stuhl heran, schlug sein Buch auf und meinte: „Also…fangen wir mal ganz am Anfang an, wie in der Grundschule. Louisa, Sie lesen jetzt mal den ersten Absatz und dann klären wir Unklarheiten, einverstanden?“ Wie hätten wir darauf mit „nein“ antworten können?So las Louisa also den ersten Satz vor und wir waren irgendwann als wir dann beim letzten Absatz angelangt waren, wirklich im Bilde, worum es bei diesem Text eigentlich ging. Aber glauben Sie mir eins, lieber Leser, wir hätten die Bedeutung der Worte noch heute nicht verstanden, wenn King Nobby sie mit uns nicht geklärt hätte. Leider war das das erste und letzte Mal für uns, dass wir einen Text erklärt bekamen, wir bekamen zwar hilfreiche Hinweise, aber einen Text erklärte uns keiner mehr und damit waren wir endgültig in der Oberstufe angekommen und musste beginnen uns gegen die Gefahren zu wappnen, die noch auf uns lauerten und begegneten.