Kapitel 3

Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit

Montagmorgen, Doppelstunde Deutsch, Thema: Kant. Louisa stand an Tafel, sie wusste nicht recht was sie sagte, ebenso wenig, was sie tat, leicht verzweifelt stand sie vor etwas, was eigentlich ein so genanntes Flussdiagramm darstellen sollte. Ein Flussdiagramm zu Kants Text „Was ist Aufklärung?“. Zur näheren Erklärung fangen wir mal am Anfang der Geschehnisse an. Es gibt für die Schüler der 11. Jahrgangstufe eine Art Seminar, welches sich „Methodentage“ nennt, und zu welche wir alle gezwungen sind zu gehen. An diesen beiden Tagen lernten wir etwas über 1. das Recherchieren 2. das Strukturieren und Auswerten 3. Empirie 4. die Präsentation an sich.Das Ergebnis dieses Seminars war, das jeder einen gigantische Arbeitsblätterstapel zu Hause herumliegen hatte, welchen mancher wahrscheinlich gleich in den Papiermülleimer fallen ließ. Auf gut deutsch: Es hat den meisten eigentlich nichts gebracht. Dass wir aufgrund der „erlernten“ Erkenntnisse ein Referat halten mussten, traf die meisten dann auch wie ein Schlag ins Gesicht. Aber das ist nur nebensächlich. Viel schlimmer war eigentlich, dass in jeder zweiten Aussage einiger Lehrkräfte der Satz „Wie sie es bei den Methodentagen gelernt haben“ fiel. Wenn dies der Fall gewesen wäre, wäre das ganze auch kein so großes Problem gewesen. Aber eben nur wenn. So blieb unserem Alphatier wohl oder übel nichts anderes übrig als zumindest den Teil mit dem Strukturieren und Auswerten noch einmal von vorn durchzunehmen. Und es bereitete keinem eine Freude, aber man muss sagen, dass wir bei Abschluss des Themas Aufklärung tatsächlich in diesem Sinne aufgeklärt waren. Mann legte uns also am Montagmorgen den Text des deutschen Philosophen Kant vor, mit dem Titel „Was ist Aufklärung“ und den Worten: „Strukturieren sie die Aussage des Textes mit Hilfe a) einer Tabelle b) eines Flussdiagramms c) eines Baumdiagramms.“ Dabei deutete er mit dem Finger auf einzelne Gruppen. „Ich gebe ihn 5 Minuten.“ Natürlich erst nachdem man festgestellt hatte, dass keiner sein Buch (ein 5kg schwerer Wälzer) dabeihatte und man ausreichend Kopien für den ganze Kurs hatte fertigen lassen. Ein allgemeines Stöhnen ließ ihn sich noch einmal berichtigen: „Na gut, 10 Minuten, aber dann sind Sie fertig!“ Dass dem dann nicht so war, erklärt sich von selbst. So beugten wir uns also über die Texte, das heißt einige von uns, denn andere stöhnten schon bei den ersten beiden Sätzen auf und schoben das Arbeitsblatt weit von sich. So blieb die Arbeit also an einigen hängen, welche den Text zu verstehen suchten. Und wären wir nicht mit einer Heftigkeit, einer unbezwinglich haftenden Leidenschaft für alles, was wir einmal angefasst hatten, geboren worden, wäre uns das wahrscheinlich auch niemals gelungen.Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen… Dies müssen wir noch heute auswendig wissen, man merkt sich ja sonst nichts.  Als die 10 Minuten abgelaufen waren, sollten wir unsere Diagramme an der Tafel vorstellen, leichter gesagt als getan. Unser Nasenbär musterte und mürrisch und streng über seine Brille hinweg und war mit keinem der Ergebnisse zufrieden. „Es hat den Anschein, als hätten Sie den Text nicht verstanden.“ Sein Blick schweifte mit gehobenen Augenbrauen über die versammelte Mannschaft, die reumütig die Köpfe hängen ließ, und bestätigte ihm, was er nur ohnehin schon wusste. „Dann werden Sie den Text als Hausaufgabe eben nochmals bearbeiten, morgen erwarte ich Ergebnisse!“ „Morgen haben wir keinen Unterricht“, warf einer ein. „Dann eben am Mittwoch!“ „Da haben wir auch nicht.“ „Ja wann sehen wir uns denn dann überhaupt wieder?“ „Am Donnerstag haben wir eine Doppelstunde.“ „Gut dann haben Sie den Text bis Donnerstag, und ich erwarte von jedem“, er betonte dieses Wort sehr extrem, „von jedem mindestens zwei Arten den Text darzustellen, wie Sie das machen, ist mir egal nur machen Sie´s!“ Während er das sagte, gestikulierte er herum, was zu beschreiben einfach unmöglich ist. Diese megageladene Atmosphäre nach diesem kleinen Donnerwetter entlud sich auch gleich wieder als Alphamän meinte: „So und jetzt machen wir erstma´ Pause, ich hab Hunger!“ Er schnappte sich seine Tasche, klemmte sie sich unter den Arm und stapfte nach draußen. Wir waren alle etwas baff, und einige konnten sich von dieser Aktion belustigt einfach nicht mehr auf ihren Stühlen halten, andere stapften ihm hinterher, demselben animalischen Trieb folgend.  So verging dann auch unsere „5“-Minuten-Pause und wir mussten uns wieder an die Arbeit machen. Textbearbeitung: Was ist die Kernaussage? Die Kernaussage ist doch ganz klar, dass… Eben das war nicht so klar und so zog sich Nobbes einen Stuhl heran, schlug sein Buch auf und meinte: „Also…fangen wir mal ganz am Anfang an, wie in der Grundschule. Louisa, Sie lesen jetzt mal den ersten Absatz und dann klären wir Unklarheiten, einverstanden?“ Wie hätten wir darauf mit „nein“ antworten können?So las Louisa also den ersten Satz vor und wir waren irgendwann als wir dann beim letzten Absatz angelangt waren, wirklich im Bilde, worum es bei diesem Text eigentlich ging. Aber glauben Sie mir eins, lieber Leser, wir hätten die Bedeutung der Worte noch heute nicht verstanden, wenn King Nobby sie mit uns nicht geklärt hätte. Leider war das das erste und letzte Mal für uns, dass wir einen Text erklärt bekamen, wir bekamen zwar hilfreiche Hinweise, aber einen Text erklärte uns keiner mehr und damit waren wir endgültig in der Oberstufe angekommen und musste beginnen uns gegen die Gefahren zu wappnen, die noch auf uns lauerten und begegneten.

Veröffentlicht in: on Februar 15, 2008 at 5:18 Uhr nachmittags Kommentare (0)

Kapitel 2

Gäste

Es gibt Tage, an denen man das Gefühl hat, sprichwörtlich mit dem falschen Bein aufgestanden zu sein; solche, die einfach schon schlimm anfangen, weil man den Bus verpasst hat, wenn man in der ersten und zweiten Stunde eine Kursarbeit schreibt, in der dritten einen Hüp, in der vierten keine Hausaufgaben und sie werden eingesammelt, in der fünften mündlich geprüft wird und glaubt in der sechsten endlich verschnaufen zu können und dann jäh vor den Kopf geschlagen wird. Ja, solche Tage gibt es und manchmal sind sie gar nicht so selten.Jedenfalls gab es einen solchen Tag, wir besprachen gerade die Zeit der Empfindsamkeit, des Sturm und Drang, der Aufklärung, also grob gesehen beschäftigten wir uns mit dem 18. Jahrhundert, da platzen einige Studenten (sie sahen jedenfalls so aus) mitten in unseren Unterricht hinein. Herr Thinnes, auch liebevoll King Nobby genannt, ließ von seiner „Den-kennen-Sie-doch:-ich-meine-Prometheus“-Pose ab und blickte die drei über seine schief sitzende Brille hinweg fragend an.„Hallo“, meinten die drei Frischlinge allerdings nur und setzten sich einfach in die hinterste Reihe. Das war natürlich nicht das, was King Nobby von den Frischlingen hören wollte. Er nahm seine Brille von der Nase und begann auf dem Bügelende herumzukauen, ließ sich auf seinem Stuhl nieder und schlug die Beine übereinander. Alle starrten die ungebetenen Gäste leicht fragend an.„Ähm ja, also wir kommen von der Uni Mainz, man hat uns hierher geschickt.“„Aha“, war alles was Norbert von sich gab, bevor er seine Brille aufs Pult legte.„Wer hat Sie geschickt?“„Wir kommen da unten vom Sekretariat.“„Und warum kommen Sie jetzt erst? Die Stunde läuft schon seit ner halben Stunde!“„Wir haben den Raum nit gefunden.“„Und woher wissen Sie dann, dass Sie hier richtig sind? Und wer sind Sie überhaupt?“ Sein Missmut war deutlich zu spüren, wenn er eine Sache auf dieser Welt wirklich hasste, abgesehen von Dummheit vielleicht, war das wohl, wenn man seinen Unterricht unterbrach, und dann auch noch auf diese Art und Weise.„Wir haben eine Beschreibung von Ihnen gekriegt und wir sind Deutschstudenten aus Mainz.“„Aha. Das sagten Sie bereits und es heißt „bekommen“ und nicht „gekriegt“.“ Er erhob sich. „Na dann stellen Sie sich mal vor.“„Ja also ich bin … und das sind … und …“ Die Namen tun hier nichts zur Sache, deshalb fehlen sie hier.„Aha, und wie lang bleiben Sie hier?“„So drei Wochen.“„Soso. Also wenn Sie nichts dagegen haben, fahre ich dann mal mit dem Unterricht fort. Also wo warn mer? Ahja…“ Und als Dr. Norbert Thinnes dann begann in einem etwas unüblichen Sprachstil einige Erläuterungen zu den Texten zu machen, hörte man von hinten nur ein Räuspern. Man konnte sich die Gesichter der Studenten lebhaft vorstellen und ihre Gedanken waren für jeden von uns so greifbar als würden sie sich über ihren Köpfen materialisieren. „Wo sind wir denn hier gelandet?“ stand so deutlich auf ihren Stirnen geschrieben, dass eine halbblinde Oma das aus einem Kilometer Entfernung hätte lesen können. Für uns war das Ganze eine eher amüsante Stunde. Aber der Grund, warum der Tag noch schlimmer wurde kam ja erst jetzt. Beziehungsweise nach der Mittagspause.Herrlich, noch so eine Genießerstunde, ausspannen und (fast) nichts tun. Tja, dachten wir jedenfalls. Aber wir wurden wie so oft bitter enttäuscht, satt unseres Teufelgottes standen da vorne drei Studenten, die aus der Entfernung ein bisschen wie die Front einer Burg aussahen, also zweimal Don Quijote und einmal Sancho Pansa (lang, rund, lang), und wie da standen auf uns nicht besonders beeindruckend wirkten. Aber, dachten wir, vielleicht sind die ja ganz cool, vielleicht wird´s ja ganz lustig. So dachten wir. Schon zum zweiten Mal in so kurzer Folge hatten wir falsch gedacht.Don Quijote 1 ließ uns die „Characters“ beschreiben von Figuren aus Texten, welche nur allerhöchstens 10 Zeilen lang waren. Don Quijote 2 ließ uns nicht vorhandene „Settings“ darstellen. Aber Sancho Pansa trieb das alles noch auf die Spitze: „Like a Videoclip“ sollten wir die Texte darstellen. Wir stellen uns also vorne hin und machten uns zum Affen. Ja. Vielleicht sollten wir mal ein paar entscheidende Dinge klären für alle Studenten, Referendare und sonstigen Personen, die den Lehrerberuf ausüben (wollen):

  1. Im Deutschunterricht redet man nicht die Hälfte der Zeit „in English“! Wir verstehen euch auch wenn ihr Deutsch redet.
  2. Wir sind 11. Klasse, also nicht mehr im Kindergarten, wir wissen schon einiges!
  3. Vorbereitung ist immer eine gute Idee!
  4. Schreibt gefälligst so, dass man es auch lesen kann, wir müssen das auch!

Das interessante bei der ganzen Sache war nun, dass sich Norbert genüsslich zurücklehnte und die angehenden Referendare belustigt beobachtete, wir glauben daran, dass er dasselbe dachte wie wir. Nächste Stunde würde er den Unterricht wohl wieder selbst halten, sonst  verblödeten wir noch völlig. Es gibt da nämlich eine sehr interessante Krankheit, welche durch die Nachtschulbakterie übertragen wird, aber lassen wir das. Wer sich in der deutschen Literaturwelt auskennt wird wissen wovon ich rede. Jedenfalls erklärt diese Krankheit, warum diese Studenten uns nichts beizubringen vermochten.

Leider wurden wir des Öfteren von solchen Gästen gestört und unserer gemütlichen Lernatmosphäre, wobei man sagen muss, dass sie nicht alle so schlimm waren, es gab auch einige, die durchaus etwas taugten, aber lassen wir das.Der Nasenbär jedenfalls war froh den Unterricht wieder selbst führen zu können und uns somit durch all die Irrwege der deutschen Sprache führte, die uns begegneten.

Veröffentlicht in: on Januar 9, 2008 at 5:54 Uhr nachmittags Kommentare (0)

Kapitel 1

Anspiel zum Auftakt

Misstrauisch einander beäugend standen wir da, vor der Tür, oder vielmehr mitten im Flur, wussten wir doch nicht so recht, wohin wir eigentlich gehören. Wir, das sind der Deutsch-Leistungskurs des Herrn Doktor Norbert Thinnes, welcher als einziger fehlte. Wir, das sind die Laienschauspieler im Stück des Lebens, welche aufzuzählen hier fehl am Platze wäre, da die Besetzung ohnehin wechselte. Und wir standen da, schweigend wartend, und die Zeit verging. Oh Gott, oh Gott, warum hast du uns verlassen? Insgeheim einerseits betend, dass der große Unbekannte irgendwann bald mal auf der Bildfläche erscheinen würde, und dem sinnfreien Tag vielleicht einen Sinn geben möge, andererseits hoffend, dass er nicht kommen möge und man nach Hause gehen konnte, unbehelligt dieser ganzen schulischen Angelegenheiten.Aber dann tauchte Mann doch noch auf, die silbrige Mähne wehte majestätisch im nicht vorhandenen Wind und die Lederslipper schlurften geräuschvoll geräuschlos über den Boden, der starre berechnende Blick eines Adlers schwebte über uns hinweg, doch all das war es nicht, was uns so sehr beeindruckte, geschweige denn erstarren ließ. Das alles war nichts gegen den gigantischen Zinken mitten im Gesicht, zwischen den Augen, der den Eindruck eines alten Greifvogels nur noch verstärkte. Und in diese Stille hinein erklang die Stimme des Herrn: „Sind Sie der Deutschleistungskurs der 11 von mir?“Schweigen. Einige Nicken.„Gut, wo hammer denn?“Erstaunen. „Wissen wir nicht. Unser Raum is besetzt.“„Ja hm, is da oben noch was frei?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, stapfte Dr. Norbert Thinnes die Stufen hinauf und ging auf den nächstbesten Raum zu, prüfte, ob die Tür verschlossen war, schloss sie auf und ging hinein, die schwarze Umhängetasche über der Schulter. Wir waren alle etwas baff folgten ihm dann aber schweigend und ließen uns an den großen Tischen nieder, hach das waren noch Zeiten!„Also ich überprüfe jetzt erstmal die Anwesenheit von Ihnen…“ Der Nasenbär fischtee irgendwo aus seiner Tasche einen roten Hefter, wenn man dieses zerfledderte Ding so nennen kann, das sicher schon einige Jahre dem Mann mit diesem gigantischen Greifenzinken im Gesicht dienen musste, und wohl vielleicht auch bald ausgedient hat. Und aus diesem roten Teil fischte er einen Zettel, mehr oder weniger, denn das meiste fiel ohnehin heraus. Dann fischte er ein silbernes verbeultes Brillenetui aus seiner Tasche, nahm aus jenem eine schwarz rechteckige Brille und setzte sie sich auf die Nase, und zwar so, dass er noch drüber schielen konnteWährend dieser ganzen Prozedur schwiegen wir artig wie die Lämmer, wobei es in jeder Herde zuweilen schwarze Schafe geben soll; wie die Mäuse beobachteten wir die Katze, die zum Sprung ansetzt und warteten darauf, uns vor ihr in Deckung bringen zu können.„Daniel Bischof?“„Ja, hier!“ Musternd wirft Nasenbär ein Blick auf das zittrige Wesen, dann wieder zurück auf seinen Zettel.„Tabea Eichner?“„Ja hier!“ Wieder ein prüfender Blick auf das eingeschüchterte Etwas.„Lisa Ferrara?“„Ja!“ So setzte sich die Reihe fort, bis er von jedem den Namen erfahren hatte. Dann setzte er zu seiner wirklichen Rede an.„So, also wir machen jetzt erstma den organisatorischen Kram, dann hab ich hier noch Propaganda liegen und dann können wir vielleicht auch noch Unterricht machen!“ Der leicht entnervte und gereizte Unterton in seiner Stimme war kaum zu überhören. So packte er uns also unsere Stundenpläne auf die Tische, samt „grünen Bögen“, die eigentlich mehr weiß als grün waren, und der so genannten Propaganda. Tja und dann machten wir tatsächlich noch Unterricht. Er nahm einen Stapel Blätter aus der roten Mappe und teilte sie aus. Wir starrten ungläubig auf die Zettel, die – was wir jetzt noch nicht wussten – zur Grundlage unserer gesamten Oberstufenzeit werden sollten, nicht wissend, was wir mit diesen Dingen, die uns nichts sagten „Programm A“ und „Programm B“, anfangen sollten.„Lesen Sie sich die Zettel durch und entscheiden Sie sich für A oder B. Wenn möglich lassen sich auch einzelne Titel vertauschen. So 5 Minuten Zeit!“Also, was hatten wir denn da? Goethes Faust, oha das kannte man doch, Schillers Die Räuber, hey der Name war auch schon mal gefallen, Kant, ja wer zur Hölle ist Kant? Was wir damals noch nicht wussten, Kant sollte uns immer wieder über den Weg laufen, ganz gleich, wie weit wir uns von seiner Epoche auch entfernten, selbst im Im- und Expressionismus sollten wir wieder auf den Namen dieses Mannes stoßen. Tja und dann war da noch Prometheus. Ja Prometheus der gute war das allererste Gedicht, das wir bei dem guten Mann behandelten. Es sollte uns ebenfalls bis in alle Ewigkeit verfolgen, Schließlich kennen wir ihn ja!Es läutete. Die erste Stunde war somit vorüber. Der Nasenbär blickte auf seine Uhr, überschlug kurz die Zeit, die er zur Cafeteria und zurück benötigen würde und meinte: „Also um viertel nach bin ich wieder da, nein zwanzig nach ich hab da noch Propaganda im Fach liegen“ Und damit zischte er rauschend durch die Tür und war verschwunden. Einige starrten sich ungläubig an, andere folgten dem 1,80-Mann in die Cafeteria, um sich mal mit Verpflegung einzudecken. Sie kamen auch bald zurück nur unser Deutschlehrer wollte und wollte einfach nicht durch die Tür hereinkommen. Es wurde 20 nach 10, gut er hatte ja gesagt, dass er später käme.Es wurde 25 nach 10, er kam immer noch nicht, seltsam.Es wurde 30 nach 10, also halb elf, Mann tauchte immer noch nicht auf. Einige begannen bereits ihre Sachen zu packen, doch da stürmte er die Tür herein, einen gigantischen Stapel Propaganda auf dem Arm. Diesen knallte er auf den Tisch und meinte: „Wo wollen Sie denn hin, ich bin doch da, wir machen jetzt zur Abwechslung mal Unterricht!“Leicht angesäuert durch den Ungehorsam seiner Frischlinge verteilte er die Propaganda, die sich als Elternbrief herausstellte und stellte sich dann provokativ vor die Tafel.„So, Sie packen das jetzt mal weg und schauen mal an die Tafel!“ Sämtliche Köpfe wanden sich dem weißen Ding an der einen Seite des Raumes zu. Thinnes hatte schon einen so genannten „Boardmarker“, darauf kommen wir später noch mal zurück, in der Hand, darauf wartend, dass wir ihm wohl irgendetwas zubrüllten. Nur wussten wir leider nicht was.„Worauf warten Sie denn noch, was fällt Ihnen dazu ein?“ Alle starrten ihn ratlos an. „Was meinen Sie denn, Herr Thinnes? Wozu soll uns etwas einfallen?“„Na zu dem Wisch da vor Ihnen!“ Die Blicke wanderten ungläubig zum Elternbrief.„Ja zu dem Gedicht, fällt Ihnen dann dazu nix ein?“„Welches Gedicht?“„Prometheus!“„Ham wir nicht!“„Hab ich Ihnen das nicht gegeben?“„Nein“, imaginäre Fragezeichen bildeten sich in unseren Augen.„Na dann geben Sie das mal rum!“So wanderte Goethes Prometheus von einem zum anderen.„Bedecke deinen Himmel, Zeus, mit Wolkendunst und übe dem Knaben gleich, der Disteln köpft, an Eichen dich und Bergeshöhn; Musst mir meine Erde doch lassen stehn und meine Hütte, die du nicht gebaut und meinen Herd, um dessen Glut du mich beneidest.“ Und so weiter, jeder kennt dieses Gedicht und wir kennen es jetzt auch, wirklich!Es gehört nun zu unserem Inventar, jeder pflanzte eine Rübe auf dem gigantischen Acker in seinem Gehirn, und nun reichen ihre Wurzeln bis tief hinab zu andern Rüben. Um es vielleicht verständlicher auszudrücken, Unterricht egal in welchem Fach ist nichts als ein ewig wiederkäuendes Ungeheuer, auf Deutsch: Es kommt alles wieder, das Leben ist eine ständige Wiederholung.Tja, an diesem ersten Tag haben wir nicht mehr viel gemacht, außer Prometheus zu besprechen und damit den Grundstein für unsere Laufbahn zu legen, denn „Den kennen Sie doch“, sollte uns noch mehr als einmal begegnen.

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Prolog

5 Minuten bis Halb

 Es läutet zum Aufbruch, denn wir wissen weder dass Tag noch dass Nacht ist, und die ganze Welt verliert sich um uns her. Leben in einem Traum, einem Nebel voller unerfüllter Sehnsüchte, erfüllt von einem aufbrausenden Herzen, das nicht mehr geleitet werden will. Und doch! Missverstanden zu werden ist das Schicksal von unsereinem. Denn sie glauben, sie wären klassische Leitbilder, Idole der Menschheit, und wir nur rebellisch und wild, wie Barbaren. Und dennoch folgen wir dem Läuten der himmlischen Glocke, wie disziplinierte, gehorsame Individuen der menschlichen Rasse, wollen wir doch diesem einen BedürfnisBefriedigung verschaffen, zu lernen, was wir nicht wissen. Teils weil wir müssen, gefangen wie Vögel im Käfig des Systems, auf ewig gebrandmarkt, teils aber auch weil wir wirklich wollen, wenn wir wollen, halten wir doch immer im Herzen das süße Gefühl der Freiheit und dass wir diesen Kerker verlassen können, wann wir wollen.Nun aber zurück zu unserer Geschichte, welche wir sogleich bosseln wollen, damit auch nichts verloren gehe.Einem inneren – oder äußeren – Plan folgend, ziehen wir durch die Flure dahin, wie Schafe hinter dem Hirten und vom Hund getrieben. Denn sie sollen keinen Willen haben! Haben wir denn keinen? Und wo liegt das Vorrecht? Im Alter etwa, oder der Erfahrung, oder gar im Wissen?Ein Vorrecht gibt es nicht, eigentlich, unausgesprochen existiert es, wenn auch manchmal ungerechtfertigt, ginge es nach Wissen, Leistung, Erfahrung, Können. Aber danach geht es nicht, danach geht es nie, es geht nach Position, um Macht, nach noch mehr Macht strebend, gierend, lechzend. Diesen Kampf verlieren wir, rechtlos, pflichtbeladen.

Watch out, là-bas, nous avons il diable!
Oder eher Gott, ist Gott der Teufel und der Teufel ist Gott, wo ist der Unterschied? Oder hat das Böse seinen Platz im Guten, seine Funktion? Existiert das eine ohne das andere nicht? Gibt es böse Götter und gute Teufel, oder sind sie paradox?
Hier jedenfalls haben wir einen Gott keinen Teufel.Einen Silberrücken, ein Alphatier, Wächter und Meister seiner Herde, ein erfahrenes Männchen, mit der Weisheit und Erfahrung von Jahrhunderten und dem umfassenden Wissen einer 100bändigen Enzyklopädie. Eine Rarität, die man nicht erlegen sollte.

Nun setzt euch, nehmt euch nen Keks, macht´s euch bequem, Knie an die Tischkanten, und hört zu, welche fantastischen Geschichten wir euch erzählen, von Einhörnern und Jammerlappen, Pakten und Inzest, Loosern und Aufständischern, denn mit der folgenden Erzählung will ich euch der alten, glücklich verträumten Tage erinnern, die uns einst begegneten…

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